Ein Jüdisches Museum in Leipzig – Konzepte und Möglichkeiten
Von Tom Schremmer
In der Vorüberlegung zur Themenfindung meiner Staatsexamensarbeit war ein wesentlicher Punkt die Relevanz. Es sollte keine Arbeit werden, die für immer im Archiv liegt. Daher ist es mir eine große Freude, dass die AG Jüdisches Leben des Bürgervereins Waldstraßenviertel e. V. die Möglichkeit eröffnet, die Inhalte und Themen dieser Arbeit darzulegen.
Im Grunde geht es um die Frage, ob und wie ein Jüdisches Museum in Sachsen entstehen kann. Vorgelegt als Teil eines größeren möglichen Museumskonzepts – und das zu einer Zeit, in der sich der kommunale Fiskus in Dresden und Leipzig noch einen Streit um ein Jüdisches Museum leisten konnte.
Nun ist der Plan eines Jüdischen Museums inzwischen einem jüdischen Themenjahr („Tacheles“) gewichen, dennoch ist gerade das Anlass genug, der Öffentlichkeit einen Blick auf die Ergebnisse zu ermöglichen. Dazu wurden verschiedene Jüdische Museen in Venedig, Paris, Amsterdam, Warschau, Budapest, Prag, Wien, München, Halberstadt, Berlin, Frankfurt, Göppingen (Baden-Württemberg) und Stuttgart mithilfe eines selbst erstellten Protokolls ausgewertet, um eine mögliche Lücke im europäischen Netz Jüdischer Museen zu finden. Welche wichtige historisch-jüdische Geschichte gibt es in den Jüdischen Museen Europas noch nicht, die Leipzig (oder Dresden) erzählen könnte? Und was haben Staats-, Stadtarchiv sowie das Archiv des Stadtgeschichtlichen Museums in Leipzig an möglichen Ausstellungsobjekten?
Zudem wurde eine detaillierte Zusammenfassung der jüdischen Geschichte der Stadt Leipzig verfasst und dabei auch die jüngere Geschichte nach 1945 erforscht: etwa die erste „jüdische“ Ausstellung der DDR in Leipzig oder die Rolle des Gedenkens am 9. November während der Friedlichen Revolution. Spielten jüdische Personen dabei eine Rolle in den Kirchen des Herbstes ’89? Ebenso thematisiert: die Sanierung und Wiedererrichtung von Synagogen sowie neue jüdische Perspektiven durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion – aber auch Anschläge wie in Halle oder Düsseldorf, deren Schmerz bis nach Sachsen ausstrahlt.
Parallel zur Staatsexamensarbeit lief auch die Planung der ersten Ausstellung in der Galerie 47m Contemporary in der Kuppel des Wünschmann-Hauses, an der ich als Kurator beteiligt war. Die Ausstellung „Midnight“ von Yael Bartana, einer der erfolgreichsten Künstlerinnen Deutschlands, beinhaltete einen Schwerpunkt auf jüdische Identität und deren Erfahrungen mit „Midnight“, also der politischen Verdunkelung, die uns die Doomsday Clock (aktuell 85 Sekunden bis Mitternacht – so nah wie noch nie) prognostiziert. Wir haben dabei nicht nur jüdische, sondern auch osteuropäische, queere und migrantische Stimmen in einem umfassenden Begleitprogramm gehört (u. a. in Kooperation mit dem Ariowitschhaus). Darunter die jüdischen Stimmen Dmitrij Kapitelman, Esther Jonas Märtin und Yael Bartana selbst.
Diese Erfahrungen und Gespräche bündeln sich und setzen sich mit dem Konzept eines sächsisch-jüdischen Museums auseinander. Denn sie werfen die Fragen nach dem Ziel eines solchen Museums auf und setzen sich kritisch mit der deutschen Erinnerungskultur auseinander, indem sie in der Arbeit den jüdisch-deutschen Philosophen Max Czollek reflektieren. Dazu wurden auch Interviews mit Juden bspw. aus dem Kulturbetrieb Sachsens geführt und deren Meinung zu einem jüdisch-sächsischen Museum eingeholt.
Sie sehen: Diese Arbeit ist mehr als nur eine wissenschaftliche Abhandlung über die jüdische Geschichte in Sachsen. Sie beschreibt vielmehr eine Suche nach Antworten. Die Suche eines deutschen Goy, der für die Antworten auf die Fragen an die Leipziger Geschichte durch ganz Europa gereist ist: Was von unserer Geschichte ist jüdisch? Und was davon würde für wen in ein Jüdisches Museum gehören?
Doch keine Sorge: Es werden nicht nur Fragen gestellt – es werden auch einige beantwortet.
AG Jüdisches Leben
Ein Jüdisches Museum in Leipzig – Konzepte und Möglichkeiten
Dienstag, 5. Mai, 19 Uhr
Ort: Ariowitsch-Haus, Hinrichsenstraße 14
