Bella Alten (Apfelbaum), 1897-1900 am Opernhaus Leipzig engagiert; Quelle: Archiv Allmuth Behrendt

Gefeiert und vergessen?

Verfolgte Künstler an der Leipziger Oper 1890–1933

Von Allmuth Behrendt

Seit einigen Jahren ist wiederholt die Frage nach den „verstummten Stimmen“ der Musiklandschaft nach 1933 gestellt und in Teilen erhellt worden. Für die Opern-Szene in Leipzig blieb dies bislang aus. Nicht von der Hand zu weisen sind grundsätzliche Schwierigkeiten: Wo kann man ansetzen? Was wissen wir von jüdischen Künstlern, die an den Leipziger Theatern gewirkt haben? Wer waren die Lieblinge des Leipziger Repertoiretheaters, wer die Gesangs-Helden, die ihr Publikum begeisterten?

Auch auf Leipzigs Bühnen waren Sängerinnen und Sänger, Tänzerinnen und Tänzer, Dirigenten und Regisseure mit jüdischen Wurzeln bis 1933 stets präsent. Im Neuen Theater prägten sie als Ensemblemitglieder oder Gäste unzählige Vorstellungen, über Jahrzehnte… In der Zeit zwischen 1890 und 1933 waren es mehr als 120. Ab April 1933, spätestens zum Spielzeitende 1932/33 wurden jüdische Künstler aus dem öffentlichen Musikleben ausgeschlossen. Einigen gelang der Weg ins Exil, nicht allen unter diesen aber die Fortsetzung ihrer Karriere. Anderen gelang die Flucht nicht; ihre letzten Leidensstationen wie die der aus politischen Gründen Verfolgten offenbaren unterschiedlichste Seiten von Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung.

Gleichsam stellvertretend für alle nicht erzählbaren Biographien – gerade auch der namentlich nicht bekannten Menschen hinter der Bühne wie im Publikum, die Theater eben auch ausmach(t)en, die es mit ermöglichten, und jener, die es erlebten – kann man Künstlerlebenswege erkunden. Einige der Leipziger Ensemblemitglieder lebten zumindest zeitweise im Waldstraßenviertel oder unweit davon, unter ihnen: die Sopranistin Bella Alten u. a. in der Frankfurter Straße – Ensemblemitglied 1897–1900, emigriert, gestorben in London 1962; Tenor Hans Grahl in der Gustav-Adolf-Straße – Ensemblemitglied 1920–1922, 1937 aufgrund § 175 inhaftiert, verließ Deutschland anschließend, starb 1966 in Berlin; Dirigent und Autor Dr. Ernst Latzko und seine Ehefrau, die Sopranistin Mali Trummer, wohnhaft in der Sedanstraße, sie Ensemblemitglied 1927–1933, neuer Wirkungsort Prag, Deportation Latzkos nach Theresienstadt 1945, Rückkehr nach Prag und später Lebensende in Wien (1954 bzw. 1991); und damit sind nur einige benannt.

Dank manch erhaltener Aufnahme ist eine Begegnung mit einigen Künstlern auch unmittelbar durch Musik möglich – mit ihren keineswegs vergessenen, nicht verstummten Stimmen.

AG Jüdisches Leben
Gefeiert und vergessen?
Jüdische und im Nationalsozialismus verfolgte Künstler an der Leipziger Oper 1890–1933

Ein Vortrag von Dr. Allmuth Behrendt über ihr Buch, erschienen bei Hentrich & Hentrich
Dienstag, 10. März, 19 Uhr
Ort: Ariowitsch-Haus, Hinrichsenstraße 14